ABTEIL N° 6

Leseprobe auf Deutsch

Translator: Stefan Moster

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Sobald sie die Dokumente erhalten hatte, entfernte sich die Schaffnerin mit spöttischem Lächeln. Der Mann nickte ihr hinterher.

„Die alte Arisa hat hier Vollmachten wie die Miliz. Das hält die Säufer und Huren in Zucht und Ordnung. Besser man regt sich über sie nicht unnötig auf. Arisa ist nämlich auch die Göttin der Zugheizung. Das sollte man nicht vergessen.“

Er nahm ein Messer mit schwarzem Griff aus der Tasche, entfernte die Sicherung und drückte auf den Knopf am Griff. Ein metallisches Geräusch erklang, die Messerklinge schnappte mit kräftigem Federsprung auf. Behutsam legte der Mann das Messer auf den Tisch und grub einen großen Brocken Rossiskaja-Käse aus seiner Tasche, dazu ein ganzes schwarzes Brot, eine Flasche Kefir und ein Glas Sauerrahm. Schließlich entnahm er der Seitentasche des Gepäckstücks eine triefende Tüte mit Gurken und fing an, sich mit der einen Hand schwarzes Brot, mit der anderen Gurken in den Mund zu stopfen. Nachdem er gegessen hatte, zog er einen Wollstrumpf aus der Provianttasche. Darin steckte eine Flasche, die mit warmem Tee gefüllt war. Der Mann sah die junge Frau lange an. In seinem Blick konnte man zunächst Abscheu erkennen, dann gefräßige Neugier und schließlich Billigung bis zu einem gewissen Grad.

„Ich bin Stahlin Eisenowitsch“, sagte er, „Metaller und Vielzweckarbeiter im Häuserbau aus Moskau, Wadim Nikolajewitsch Iwanow mit Namen. Für Sie einfach Wadim. Einen Schluck gefällig? Im Tee sind Vitamine, weshalb es von Vorteil wäre, ein oder zwei Tässchen zu trinken. Ich wollte schon denken, da haben sie mich Kerl aber schwer bestraft und mit einer aus Estland ins selbe Abteil gesteckt. Dabei besteht ja ein Unterschied zwischen der Finljandskaja respublika und der Sowjetskaja Estonskaja respublika. Die Esten sind krummschnäblige deutsche Nazis, aber die Finnen sind im Prinzip aus demselben Speck gemacht wie unsereins. Finlandija ist eine kleine Kartoffel weit weg und hoch im Norden. Von euch geht kein Verdruss aus. Alle nördlichen Völker der Welt sind von ein und demselben Schlag, der nordische Stolz verbindet sie. Das Fräulein ist übrigens die erste Finnin, die ich je gesehen habe. Aber gehört hab ich viel. Bei euch herrscht ja Prohibition.“

Der Mann goss der jungen Frau dunklen Tee ins Glas. Sie kostete ihn vorsichtig. Der Mann nahm den Tee in kleinen Schlucken zu sich, stand auf und machte sein Bett. Verschämt zog er die oberen Kleidungsstücke aus, die dicke schwarze Hose mit dem schmalen Ledergürtel, das aus grobem Stoff genähte leichte Sakko und das weiße Hemd, und legte sie sauber gefaltet am Fußende aufs Bett. Er zog einen hellblauen, gestreiften Pyjama an und schlüpfte zwischen die gestärkten Laken. Gleich darauf ragten vernachlässigte und von schlechten Schuhen ruinierte krumme Zehen und raue, rissige Fersen unter der Decke hervor.

„Gute Nacht“, sagte der Mann mit matter Miene, beinahe flüsternd, und schlief auf der Stelle ein.

Die junge Frau blieb lange wach. Im halb dunklen Abteil bewegten sich die Teegläser und ihre Schatten, ohne je anzuhalten. Sie hatte fort gewollt aus Moskau, denn sie brauchte Abstand zu ihrem Leben, aber nun sehnte sie sich bereits zurück. Sie dachte an Mitka, an Mitkas Mutter Irina, an Irinas Vater Zachar und an sich selbst, was aus ihnen allen wird. Sie dachte an ihrer aller provisorisches Zuhause, das jetzt leer stand. Nicht einmal die Katzen, Fräulein Schmutz und Kater Müll, waren dort. Die Lokomotive pfiff, die Schienen quietschten, das Geklapper des Zuges hämmerte metallisch, der Mann schnarchte mit tiefer Stimme die ganze Nacht. Das Geräusch erinnerte die junge Frau an ihren Vater, und sie fühlte sich sicher. In den frühen Morgenstunden endlich, als die Schatten zu schrumpfen begannen, sank sie in weißen, schaumigen Schlaf.

Als die junge Frau vorsichtig die Augen öffnete, sah sie als erstes den Mann zwischen den Betten Liegestütze machen. Auf den lackierten Kabinenwänden zuckte der grüne Schein der Sonne, der Mann wischte sich mit dem Handtuch den Schweiß von der Stirn. Noch bevor die junge Frau sich aufgerichtet hatte, klopfte es an der Tür, und Arisa, in eine schwarze Uniformjacke gezwängt, stellte zwei dampfende Teegläser, trockene Waffeln und vier große kubanische Zuckerstücke auf den Tisch. Der Mann grub einige Kopeken aus seiner Geldbörse, die ein Relief von Valentina Tereschkowa mit Weltraumhelm zierte.

Nachdem Arisa gegangen war, zog er sein Messer unter der Matratze hervor, nahm ein Stück Zucker in die linke Hand, klopfte es mit der stumpfen Seite der schmalen Klinge in zwei Teile und reichte der jungen Frau ein dampfendes Teeglas und ein halbes Zuckerstück.

Er lächelte scheu und kummervoll, zog eine Wodkaflasche aus der Tasche, schraubte sie auf und füllte zwei blaue Schnapsgläser, die er ebenfalls den Tiefen seines Gepäckstücks entnahm.

„Weil wir die Freude einer langen gemeinsamen Reise haben, darf der Trinkspruch kurz ausfallen. Auf unser Zusammentreffen! Auf den einzigen wahren Staat der Welt, auf die Sowjetunion! Die Sowjetunion wird niemals sterben!“

Er kippte sich seine Portion in den Rachen und biss ein Stück von einer saftigen Zwiebel ab. Die junge Frau berührte mit dem Glas die Lippen, trank aber nicht.

Der Mann trocknete sich mit lümmelhaftem Lächeln die Lippen an einer Ecke des Tischtuchs. Die junge Frau kostete den Tee. Er hatte lange gezogen, war aromatisch und stark. Erst jetzt merkte der Mann, dass sie ihr Wodkaglas nicht geleert hatte.

„Es ist traurig, alleine zu trinken.“
Sie rührte das Glas nicht an. Er musterte sie mit enttäuschter Miene.
„Schwer zu verstehen. Aber sei’s drum. Ich zwinge niemanden, auch wenn ich Lust dazu hätte.“
Er vergaß sich im finsteren Betrachten der jungen Frau. Sein Blick gefiel ihr nicht, und darum nahm sie das kleine Handtuch und die Zahnbürste und ging zur Toilette, um sich zu waschen.
Die Schlange nahm den halben Gang ein. Die Reisenden trugen Morgenmäntel, Pyjamas, Trainingsanzüge, zwei Männer sogar lediglich die weißen Unterhosen der Armee.
Mehr als eine Stunde später erreichte die junge Frau ihr Ziel. Nun war sie an der Reihe, die feuchte, klebrige Türklinke zu ergreifen. Die Toilette befand sich in unsauberem Zustand und der Gestank war stechend. Auf dem Fußboden schwappte eine Mischung aus Pisse, Seife und Zeitungspapier, aus dem Hahn kam kein einziger Tropfen Wasser. Allerdings waren noch zwei exakt gewürfelte, von der Stange geschnittene beigebraune, nach Natrium riechende Stück Haushaltsseife vorhanden. Die Oberfläche des einen war mit rostbraunem Schleim überzogen. Mit einem Satz stieg die junge Frau auf die Kloschüssel, um sich nicht die in Leningrad gekauften Morgenpantoffeln nass zu machen, und führte eine Trockenreinigung von Zähnen und Gesicht durch. Das kleine Toilettenfenster stand einen Spaltbreit offen. Ein vergessener, menschenleerer Bahnhof fuhr vorbei.

Der Mann lud schwarzes Brot, Meerrettich im Glas, Zwiebel- und Tomatenscheiben, Majonäse, Dosenfisch und hart gekochte Eier, die er vorsichtig schälte und halbierte, auf den Tisch.
„Den Satten vergisst Gott nicht und umgekehrt. Also bitte sehr!“
Sie aßen lange, und erst als der Mann die Reste des Frühstücks wieder in seiner Provianttasche verstaut und mit der Hand die Brotkrümel vom Tisch auf den Boden gewischt hatte, genossen sie den inzwischen auf die richtige Temperatur abgekühlten Tee.
„Ich habe heute Nacht von Petja geträumt. Wir wurden im selben Jahr geboren und waren in der Schule in einer Klasse. Fünfeinhalb gemeinsame Jahre bekamen wir zusammen. Die Schule schmeckte uns nicht, wir mussten arbeiten gehen. Ich wartete auf der Treppe vor dem Laden auf eine Fuhre, und wenn sie kam, warf ich die Ware von der Ladefläche ins Lager. Petja trug auf der Baustelle Bretter. Wir lebten in einem Kesselraum. Dort gab es ein Fenster, durch das sah man den Gehweg und die Beine der Passanten. Wir wohnten dort, aber eines Abends kam Petja von der Arbeit nicht nach Hause. Am nächsten Tag fuhr ich mit dem O-Bus zu Petjas Baustelle, um nach ihm zu fragen, und dort erzählten sie mir, dass er unter eine Maschine geraten und gestorben war. Die Maschine hatte ihn getötet. Ich fragte, was für eine Maschine. Ein altes Väterchen zeigte mir so einen kleinen, elenden Bagger. Da steht der Schuldige. Ich nahm den Vorschlaghammer und schlug ihn reparaturunfähig. Danach habe ich mich alleine durchgeschlagen.“
Die junge Frau warf einen Blick auf den Mann, der sich in seine Gedanken verkrochen hatte, und dachte an Mitja und eine Nacht im August. Sie hatten am Rand des Puschkin-Platzes auf einer Betonbank gesessen, etwas geraucht und auf die Morgendämmerung gewartet, als eine Schar grölender junger Betrunkener ankam und sie bedrängte und schubste. Sie rissen sich los, eilten davon, aber ein fetter Glatzkopf folgte ihnen und drohte damit, dem mit der Brille das Gehirn aus dem Schädel zu prügeln. Sie bekamen es mit der Angst zu tun. Sie rannten los, die menschenleere Straße entlang, aber am Ende der Straße tauchte ein Auto auf, und die junge Frau war sicher, dass auch darin Glatzköpfe saßen. Darauf rannten sie durch Nebenstraßen und kürzten über Innenhöfe ab, bis sie verschwitzt an ihrer Haustür ankamen.
„Nach Südsibirien bin ich zum ersten Mal Anfang der Sechzigerjahre gekommen. Das war die Zeit der Währungsreform. Der Rubel war nichts mehr wert, Essen bekam man auch für Geld nicht, und in den Bierstuben wurde ein Krug für fünfzig Kopeken ausgerufen. Damals saß ich in der Baustellenkantine und kippte mit Boris, Sascha und Hund Mucha Feuerwasser. Einmal kam ein Baustellenbeamter hereingeschneit. Dieser Filzstiefel vom Land sagte, geh, Volksgenosse, nach Suchumi auf die Krim, ins südliche Sibirien, dort werden Plan-Übererfüller gesucht. Er drückte mir einen Zettel in die Hand und war wie vom Erdboden verschluckt wieder verschwunden. Ich ging zu Vimma, meiner geliebten breitärschigen Hure, sagte danke für deine Möse und auf Wiedersehen, ging schnurstracks zum Bahnhof und ruckelte mit dem Zug durch das weite, offene Sowjetland. Ich landete dann statt in Suchumi in Jalta. Dort wurden alle Arten von Hütten gebaut, und als ich sagte, ich bin eine stachanowsche Fleischmaschine und ein Betonheld, bekam ich sofort Arbeit. Das war der beste Sommer meines Lebens. Ich konzentrierte mich aufs Faulenzen und auf die Huren. Wenn man die fragte, bist du feucht, dann waren sie’s in zwei Minuten. Manchmal waren wir mit den Flittchen im Kino ‚Der Bauarbeiter’ und sahen uns Abenteuerstreifen an. Drei Männer im Schnee, Im Eis verschollen, und wie hieß der eine gute noch... Drei Freunde auf dem offenen Meer. Jedes Mal wenn ich an den Sommer zurückdenke, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Damals fesselte die Vernunft noch nicht das Leben. Aber dann kam die letzte Nutte! Katinka. Die trällerte mit Zuckerstimme, komm, ich wasche dir dein Hemd. Damit endete mein Leben, und vor mir tat sich der holperige, lichtlose Weg des immer tiefer sinkenden Alkoholikers auf.“
Der östliche wind schleuderte vereinzelte Schneeflocken über die weiße Steppe, ein blasser Schein schimmerte über einem Gehölz. Der Mann spuckte wütend über die linke Schulter in die Abteilecke.

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