„Ich spreche jetzt über dieselbe Katinka, die mich gestern an den Bahnhof gebracht hat. Das in ihrem Gesicht stammt von mir. Ich kam besoffen heim, und da ging es los. Jedes Mal dasselbe Tohuwabohu, Katinka stellte den üblichen Streit auf die Beine. Weil sie nicht aufhörte, wischte ich ihr eine und dann noch eine. Sie müsste einfach den Mund halten, dem müden Wanderer helfen, sich auszuziehen und ein gutes Nachtessen machen, aber sie lernt es nie. Ich versuche, es ihr zu erklären und schwärme sogar von ihr. Sie hört nicht hin, sondern macht immer weiter, schreit, die Männer hätten diese verdammte Welt nur für sich selbst aufgebaut. Da ballt sich die Wut des unterdrückten Ehemannes, und dann verpasse ich ihr eine, damit sie still ist. Wenn sie beim ersten Mal nicht aufhört, schlage ich ihr richtig kräftig mitten in die Fresse. Das ist nicht leicht für mich, ich schlage nicht gern, aber so kommt es immer. Schließlich habe ich auch ein Recht, zu sprechen und ein Mensch im eigenen Heim zu sein, auch wenn ich da nur selten auftauche.“
Der Mann wog seine Worte genau ab, ließ sie eins nach dem anderen fallen. Die junge Frau konzentrierte sich darauf, die Ohren zuzumachen.
„Ein Alltagsstreit mitten in der Nacht ist deprimierend. Er nimmt dem Leben alle Freude. Letzte Nacht im Traum wälzte sich ihr schreiender Geruch wie ein Panzer auf mich. Allein der Gedanke an ihre abgebrannte Fotze bringt mich dazu, die Wände vollzukotzen.“
Der Waggon ruckelte, die Hand des Mannes hüpfte, im Augenwinkel bildete sich eine Träne. Er wischte sie mit dem Handrücken weg und schloss die Augen, räusperte sich, streckte den Rücken durch, sog die Lunge voll mit Luft und blies sie wieder leer.
„Aber alles hat seine Grenzen. Ich schlage Katinka nie auf dem Gang der Kommunalka, auch nicht auf der Straße und nicht auf dem Amt. Ich schlage sie einzig und allein in unserem eigenen Zimmer, denn sonst kommt der Blockwart oder die Miliz und ich mag beide nicht, schon gar nicht die Miliz. Die Hauptregel lautet aber: Der Junge darf es nicht sehen, denn immerhin ist Katinka seine Mutter. Jetzt ist der Junge so groß, dass er schon sein eigenes Mädchen schlägt. Das gefällt mir nicht... Wenn du deine Alte mit dem Hammer haust, machst du aus ihr Gold, haben mir die alten Kerle geraten, als ich ein junger Mann war. Dieser Rat ist befolgt worden. Vielleicht sogar zu viel.“
Die junge Frau schaute mal zu Boden, mal auf eine Wolke, die am Rand des Horizonts erstarrt war. Einem solchen russischen Mann war sie noch nie begegnet. Oder vielleicht doch, aber sie wollte sich nicht daran erinnern. Kein Russe hatte in diesem Stil mit ihr gesprochen. Dennoch hatte dieser Mann etwas an sich, das sie kannte, seine Dreistigkeit, seine Art, die Wörter zu dehnen, sein Lächeln, sein verächtlicher sanfter Blick.
„Katinka ist eine russische Frau, grausam und gereicht. Sie geht arbeiten, kümmert sich um Haus und Kinder und hält alles aus. Ich denke bloß über manche Dinge anders als sie. Nehmen wir zum Beispiel mein altes Mütterchen. Wir wohnen alle nebeneinander in derselben Kommunalka, und ich finde, das ist großartig, da kann Katinka dem Mütterchen Essen machen, wenn sie es für den Jungen und sich selbst macht, und gleichzeitig ein bisschen gucken, dass dem Mütterchen das Leben schmeckt. So leicht ist das aber nicht. Unsere ganze dreiundzwanzigjährige Ehe lang hat die Nutte von mir verlangt, das Mütterchen hinauszuwerfen.“
Die junge Frau stand auf, um in den Gang zu gehen, aber der Mann packte sie scharf an der Hand und deutete auf das Bett.
„Es wird bis zum Ende zugehört.“
Die junge Frau riss sich los. Der Mann stürzte ihr nach und hielt sie am Handgelenk fest, kräftig, aber zugleich väterlich. Sie ließ sich auf das Fußende ihres Bettes sinken.
Er Mann ging auf seinen Platz zurück, legte den Zeigefinger auf die Lippen, blies leicht und lächelte frivol.
„Eins hat mich schon immer gewundert. Jeder Bräutigam liebt seine Braut, aber jeder Kerl hasst seine Alte. Sobald die Heiratspapiere unterschrieben sind, verwandelt sich der Mann in einen alten Kerl und die Frau in ein altes Weib, und von da an nagt an beiden die Unzufriedenheit. Die Alte denkt, wenn wir uns nur Komfort verschaffen, dann wird sich alles legen. Es geht um die eigene Kochplatte, den neuen Bademantel, die Bodenvase, den Kochtopf ohne Beulen oder das Teeservice aus Porzellan. Der Kerl denkt seinerseits, wenn ich zu den Huren gehe, ertrage dich das Weib hier besser. Aber trotz allem... Wenn ich mir Katinka so richtig genau anschaue, hätte ich manchmal Lust zu sagen, Katjuscha, meine kleine Närrin, mein eigenes kleines Dummerchen.“
Er seufzte schwer, griff mit der Hand in die Tüte mit den Gurken, erwischte eine, biss ab und schluckte aus Versehen das ganze Stück.
„Wir Männer taugen zu nichts. Die Weiber kommen ohne uns besser zurecht. Uns braucht niemand. Außer der andere Mann. Gerade jetzt, in diesem Augenblick, hätte ich Lust, auf die russische Frau zu trinken, auf ihre Tüchtigkeit, ihre Zähigkeit, ihre Geduld, ihren Mut, ihren Humor, ihre List, ihre Tücke und auf ihre Schönheit. Die Weiber halten dieses Land aufrecht.“
Der Mann schob eine Hand unter die Matratze und zog eine Tafel Tschaikowski-Schokolade heraus. Er öffnete sie mit der Messerspitze und bot der jungen Frau davon an. Er selbst nahm kein einziges Stück, sondern legte die Tafel mitten auf den Tisch. Sie war dunkel und schmeckte nach Naphtha. Die junge Frau dachte an Irina: wie sie oft abends auf ihrem Lieblingsstuhl unter der Lampe saß und in einem Buch las, wie das gelbliche Licht der Lampe auf die Seiten fiel, wie Irinas Hände das Buch hielten, wie ihr Gesicht und wie...
„Früher wussten die Frauen still zu sein, heute geht bei den modernen Weibern die ganze Zeit das Mundwerk. Ich hatte mal eine Hure, die quasselte und rauchte, während ich sie bumste. Am liebsten hätte ich sie erwürgt.“
In der Ferne schimmerte ein Birkenwald, von schwerer Kälte und scharfen Winden ausgelaugt. Die nackten Bäume zeichneten grafische Schatten in den Schnee. Der Zug raste voran, der Schnee stob auf und flimmerte rein und hell. Mal füllte eisiger, weißer Wald das Fenster, mal leichter, blauer, wolkenloser Himmel. Die junge Frau hörte den Klang und den Rhythmus der Worte des Mannes. Bald verflog der Eifer darin, und stattdessen trat ein Hauch tiefen Kummers.
Der Mann überlegte lange. Zwischendurch bewegten sich die feuchten Lippen schnell, dann wieder sehr langsam. Seine aufrechte Haltung war dahin, er saß mit eingesunkenen Schultern da.
„Katinka... meine Katinka.“
Es wurde still im Abteil. Der Mann legte die Stirn an die kalte Fensterscheibe. Die junge Frau stand auf und trat auf den Gang.
Dort standen einige Reisende. Ein entgegenkommender Güterzug brauste vorbei, brachte den Zug zum Schwanken, weiter hinten huschte ein kleines Gebäude bei einem Haltepunkt als türkiser Fleck vorüber. Die Nacht hatte Schmutzspritzer an die Fenster im Gang geschleudert, zwischen denen mattes Licht eindrang. Die Birken wurden spärlicher, der Zug drosselte das Tempo, auf dem Nebengleis lag verrosteter Metallschrott herum, und wenig später rauscht der Zug schlagartig in den Bahnhof von Kirow. Ein Schild neben der Strecke teilte mit, dass es bis Moskau noch gut tausend Kilometer waren.
Die Wagentür war offen, die junge Frau stand an den Stufen. Ein paar kleine Schneeflocken schwebten in der stillen, trockenen Kälte. Auf dem Bahnsteig gegenüber zuckte unruhig ein schmächtiger Lokalzug, wie von einem Anfall geschüttelt. Die Menschen drängten aus ihm heraus und schnappten panisch frische Luft. Die Bahnhofsglocke schlug einmal, dann ein zweites Mal. Die junge Frau konnte gerade noch flüchtig das schwarze Plastikschild an der Mütze des vorbei spazierenden Zugführers sehen, als Arisa kam, um die Tür zu schließen.
„Was stehen Sie da? Wollen Sie in Kirow bleiben? Da kriegen Sie die Peitsche. Weil Sie ja keinen Volkspass und auch keine Wohnfläche haben. Dumme Ausländerin, versteht nichts und steckt hier die Nase herein! Und in meine Verantwortung haben sie das unglückliche Ding gegeben. Wissen Sie wenigstens, wer Kirow war?“
Im langsam fahrenden Zug ging die junge Frau schwankend den Gang entlang und schaute auf die schaukelnde Stadt vor dem Fenster. Vor einem Verwaltungsgebäude im Barockstil raufte ein Rudel streunender Hunde, auf die ein junger Mann mit einem abgebrochenen Besenstiel einschlug. Die junge Frau ging zum Abteil der Waggonschaffnerin, um Tee zu kaufen. Arisa saß wie die Allmächtige auf dem Bett und betrachte die junge Frau mitleidig. Im kleinen Transistorradio sang Georg Ots etwas auf Russisch.
„Alle Menschen müssen ein Leben auf die gleiche Art haben“, sagte Arisa. „Entweder gleich gut oder gleich schlecht.“
Sie reichte der jungen Frau zwei Gläser heißen Tee und drei Packungen Kekse statt zwei.
„Der Mensch ist zu allem fähig, wenn man ihn zwingt. Und jetzt ab ins eigene Abteil!“
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Aus: Rosa Liksom: Hytti nro 6, Helsinki: WSOY 2011, S. 7-20.

