Der Mann schob eine Hand unter die Matratze und zog eine Tafel Tschaikowski-Schokolade heraus. Er öffnete sie mit der Messerspitze und bot der jungen Frau davon an. Er selbst nahm kein einziges Stück, sondern legte die Tafel mitten auf den Tisch. Sie war dunkel und schmeckte nach Naphtha. Die junge Frau dachte an Irina: wie sie oft abends auf ihrem Lieblingsstuhl unter der Lampe saß und in einem Buch las, wie das gelbliche Licht der Lampe auf die Seiten fiel, wie Irinas Hände das Buch hielten, wie ihr Gesicht und wie...
„Früher wussten die Frauen still zu sein, heute geht bei den modernen Weibern die ganze Zeit das Mundwerk. Ich hatte mal eine Hure, die quasselte und rauchte, während ich sie bumste. Am liebsten hätte ich sie erwürgt.“
In der Ferne schimmerte ein Birkenwald, von schwerer Kälte und scharfen Winden ausgelaugt. Die nackten Bäume zeichneten grafische Schatten in den Schnee. Der Zug raste voran, der Schnee stob auf und flimmerte rein und hell. Mal füllte eisiger, weißer Wald das Fenster, mal leichter, blauer, wolkenloser Himmel. Die junge Frau hörte den Klang und den Rhythmus der Worte des Mannes. Bald verflog der Eifer darin, und stattdessen trat ein Hauch tiefen Kummers.
Der Mann überlegte lange. Zwischendurch bewegten sich die feuchten Lippen schnell, dann wieder sehr langsam. Seine aufrechte Haltung war dahin, er saß mit eingesunkenen Schultern da.
„Katinka... meine Katinka.“
Es wurde still im Abteil. Der Mann legte die Stirn an die kalte Fensterscheibe. Die junge Frau stand auf und trat auf den Gang.
Dort standen einige Reisende. Ein entgegenkommender Güterzug brauste vorbei, brachte den Zug zum Schwanken, weiter hinten huschte ein kleines Gebäude bei einem Haltepunkt als türkiser Fleck vorüber. Die Nacht hatte Schmutzspritzer an die Fenster im Gang geschleudert, zwischen denen mattes Licht eindrang. Die Birken wurden spärlicher, der Zug drosselte das Tempo, auf dem Nebengleis lag verrosteter Metallschrott herum, und wenig später rauscht der Zug schlagartig in den Bahnhof von Kirow. Ein Schild neben der Strecke teilte mit, dass es bis Moskau noch gut tausend Kilometer waren.
Die Wagentür war offen, die junge Frau stand an den Stufen. Ein paar kleine Schneeflocken schwebten in der stillen, trockenen Kälte. Auf dem Bahnsteig gegenüber zuckte unruhig ein schmächtiger Lokalzug, wie von einem Anfall geschüttelt. Die Menschen drängten aus ihm heraus und schnappten panisch frische Luft. Die Bahnhofsglocke schlug einmal, dann ein zweites Mal. Die junge Frau konnte gerade noch flüchtig das schwarze Plastikschild an der Mütze des vorbei spazierenden Zugführers sehen, als Arisa kam, um die Tür zu schließen.
„Was stehen Sie da? Wollen Sie in Kirow bleiben? Da kriegen Sie die Peitsche. Weil Sie ja keinen Volkspass und auch keine Wohnfläche haben. Dumme Ausländerin, versteht nichts und steckt hier die Nase herein! Und in meine Verantwortung haben sie das unglückliche Ding gegeben. Wissen Sie wenigstens, wer Kirow war?“
Im langsam fahrenden Zug ging die junge Frau schwankend den Gang entlang und schaute auf die schaukelnde Stadt vor dem Fenster. Vor einem Verwaltungsgebäude im Barockstil raufte ein Rudel streunender Hunde, auf die ein junger Mann mit einem abgebrochenen Besenstiel einschlug. Die junge Frau ging zum Abteil der Waggonschaffnerin, um Tee zu kaufen. Arisa saß wie die Allmächtige auf dem Bett und betrachte die junge Frau mitleidig. Im kleinen Transistorradio sang Georg Ots etwas auf Russisch.
„Alle Menschen müssen ein Leben auf die gleiche Art haben“, sagte Arisa. „Entweder gleich gut oder gleich schlecht.“
Sie reichte der jungen Frau zwei Gläser heißen Tee und drei Packungen Kekse statt zwei.
„Der Mensch ist zu allem fähig, wenn man ihn zwingt. Und jetzt ab ins eigene Abteil!“
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Aus: Rosa Liksom: Hytti nro 6, Helsinki: WSOY 2011, S. 7-20.

